Drei Fragen an... Ronny Burgermeister

Auf ein Wort mit einem Meeraner Wertebotschafter
04.08.2026

Ronny Burgermeister ist Teilnehmer bei der Qualifizierungsreihe „Werte im Quadrat„. In km2 Bildung Meerane ist er im Erziehungsförderverein seit vielen Jahren tätig in der Betreuung einer Tagesgruppe von Kindern und Jugendlichen und dort auch als Teamleiter. Zudem unterstützt er als Pädagoge auch die Aufsuchende Familientherapie des Meeraner Erziehungsfördervereins. Wir wollten wissen:

Ronny, welchen Stellenwert hat Demokratiebildung in deinem Bildungsalltag?

Mein primäres Arbeitsfeld ist die Kinder- und Jugendhilfe, genauer gesagt die Hilfen zur Erziehung. Hauptsächlich arbeite ich in einer Tagesgruppe nach §32 SGB VIII, einer teilstationären Hilfe zur Erziehung. Das heißt: Die Kinder werden tagsüber pädagogisch betreut und abends nach Hause gebracht. Die Erziehung in einer Tagesgruppe soll die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen durch soziales Lernen in der Gruppe, schulische Begleitung und Elternarbeit unterstützen, um somit langfristig den Verbleib in der Familie zu sichern.

Die meisten der von uns betreuten Kinder haben eher negative Vorerfahrungen im sozialen Miteinander gesammelt und sind häufig von Ausgrenzung betroffen. In meinem Arbeitsfeld trägt Demokratiebildung ganz wesentlich dazu bei, junge Menschen zur Selbstbestimmung, gesellschaftlichen Mitverantwortung und sozialem Engagement zu befähigen. Der Fokus liegt dabei auf zentralen Merkmalen wie Partizipation, Verantwortungsübernahme, Vielfalt, Toleranz und Konfliktfähigkeit. Die Kids sollen demokratische Prozesse im Alltag nicht nur theoretisch erfahren, sondern diese selbst erleben, ausprobieren und mitgestalten.

Welche praktischen Umsetzungsideen sind seit deiner Teilnahme an „Werte im Quadrat“ in deine Arbeit geflossen?

Ich durfte im Laufe meiner Teilnahme an „Werte im Quadrat“ verschiedene Perspektiven einnehmen. In meiner Praxis beobachte ich immer wieder Fachkräfte, deren Grundlagen für ihr professionelles Handeln die eigene Ausbildung und die konzeptionelle Ausrichtung der jeweiligen Einrichtung sind. Was in der Betrachtung häufig zu kurz kommt, sind individuelle Faktoren, die Auswirkungen auf die eigene Professionalität haben können. Ganz konkret wird das zum Beispiel daran deutlich, ob und inwieweit Fachkräfte reflektieren, dass sie in der Arbeit mit Kindern oft richtungsweisend agieren. Das heißt aber eben auch, dass Pädagog:innen Macht haben und ausüben und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in vielen Fällen nicht auf Augenhöhe geschieht.

„Werte im Quadrat“ und insbesondere das Modul „Kinderrechtebasierte Demokratiebildung“ motivierten mich, verschiedene Punkte meiner Praxis kritisch zu hinterfragen und einige Veränderungen anzustoßen. Durch den guten Input, die praktischen Übungen und den kollegialen Austausch mit den anderen Kursteilnehmer:innen eröffneten sich mir neue Perspektiven, durch die ich zunächst meine eigene Rolle reflektieren und schlussendlich Ideen entwickeln konnte, in welchen Bereichen und in welchem Umfang Veränderungen oder Verbesserungen in meinem Arbeitsfeld möglich sind. Veränderungen ergaben sich in der Folge zum einen auf Teamebene und zum anderen in der Arbeit mit den Kindern.

Neben den Gesprächen im Team über die Erfahrungen und den Input aus den Weiterbildungen ist es mittlerweile so, dass zu Beginn unserer Teamberatungen alle Teilnehmer:innen Karten aus einem Kartenset ziehen (Anm. d. Red.: das eingesetzte Kartenset des Deutschen Kinderhilfswerks zu Demokratiebildung in der Praxis steht hier kostenlos zum Download zur Verfügung) und diese anschließend kurz einzeln und später auch im Team reflektieren. Das ist ein kleiner Impuls, der dennoch Wirkung zeigt, weil dadurch jede Fachkraft dazu angeregt wird, das eigene Handeln und potenzielle Möglichkeiten zu hinterfragen.

Um Partizipation, Verantwortungsübernahme und Konfliktfähigkeit der Kinder zu steigern, finden seit einiger Zeit einmal monatlich „Kinderparlamente“ statt. Ziel ist es, einen Raum für sämtliche Anliegen, Wünsche und Beschwerden der Kinder zu schaffen. Nach Möglichkeit sollen dabei alle zu Wort kommen. Die wichtigsten Anliegen werden dann über den Gruppensprecher an die Pädagog:innen weitergegeben, damit diese Themen anschließend in den Teamberatungen Beachtung finden. Zusätzlich wurde unser „Kummerkasten“ zum „Ideen- und Feedbackkasten“ umfunktioniert. Dadurch haben auch zurückhaltende Kinder die Möglichkeit, ihre Ideen, Wünsche und Beschwerden in Form von selbst gemalten Bildern oder handgeschriebenen Zetteln zu platzieren. Außerdem besteht so für alle Kinder die Möglichkeit, ihre Gedanken auch außerhalb der Konferenzen einzubringen.

Gab es im Laufe der Qualifizierungsreihe einen besonderen „Aha-Moment“ für dich?

Ich hatte im Laufe der Zeit einige Aha-Momente auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Ich finde es immer super, wenn sich Gelegenheiten ergeben, um sich mit Fachkräften aus unterschiedlichen Professionen auszutauschen, gemeinsam zu reflektieren und Ideen zu entwickeln. Nebenbei bemerkte ich, dass wir in unserer täglichen Arbeit schon viele Dinge wirklich gut machen und gleichzeitig in vielen Bereichen Möglichkeiten zur Verbesserung bestehen.

Besonders toll fand ich das Modul „Philosophieren mit Kindern“, weil dort wirklich gute, praxistaugliche Methoden vermittelt wurden, die im Alltag und ohne großen Aufwand anwendbar sind. Außerdem eignen sich die vorgestellten Inhalte auch super für unser „Training sozialer Kompetenzen“. Und ganz ehrlich, bisher hielt ich es gar nicht für möglich, dass Philosophieren so einfach sein kann. Meine Aha-Momente aus dem Modul „Kinderrechte“ wiederholten sich später zum Teil im Team. In einigen Bereichen ist eine gewisse Aufbruchstimmung entstanden, und zwar sowohl im Team als auch in der Kindergruppe. Das ist ein Trend, der definitiv nicht abzusehen war. Und das freut mich sehr.

Werte im Quadrat ist ein Projekt der Stiftung Ein Quadratkilometer Bildung, das sich mit Demokratiebildung und Themen des respektvollen Zusammenlebens innerhalb einer vielfältigen Gesellschaft auseinandersetzt. Es wird gefördert durch die Karl Schlecht Stiftung (KSG) und die Karl-Konrad-und-Ria-Groeben-Stiftung.