Drei Fragen an... Anne Sauerwald

Auf ein Wort mit einer Wismarer Wertebotschafterin
05.10.2026

Die Erzieherin Anne Sauerwald hat am jüngsten Jahrgang der Qualifizierungsreihe „Werte im Quadrat“ teilgenommen. Hier befasste sie sich über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren mit unterschiedlichen Ansätzen der Demokratiebildung und reflektierte sie immer wieder mit den anderen Praktiker:innen aus fünf Programmorten von km2 Bildung. Wir wollten wissen:

Anne, gab es im Laufe der Qualifizierungsreihe einen besonderen „Aha-Moment“ für dich?

Mein besonderer „Aha-Moment“ war die Erkenntnis, dass Kinderrechte nicht erst dann partizipativ vermittelt werden, wenn Kinder ausdrücklich nach ihrer Meinung gefragt werden. Partizipation beginnt bereits bei der Planung eines Angebotes, bei der Gestaltung eines Raumes, bei der Auswahl von Materialien und vor allem bei der Frage, wie viel Raum Kinder für eigene Ideen und Entscheidungen erhalten. Für mich wurde dadurch deutlich, dass pädagogische Angebote als bewusst gestaltete Erfahrungsräume verstanden werden können.

Ich wollte nicht lediglich ein Thema vermitteln, sondern eine Situation schaffen, in der Kinder aktiv werden, mitdenken, ausprobieren und Verantwortung übernehmen können. Diese Erkenntnis hat meinen Blick auf meine pädagogische Arbeit verändert. Ich frage mich seitdem bewusster, wie aus einem vorgegebenen Thema eine gemeinsame Erfahrung entstehen kann, bei der die Kinder nicht nur Zuhörende oder Zuschauende sind, sondern aktive Mitgestaltende. Besonders die Verbindung von Kinderrechten, Kreativität und Partizipation empfinde ich dabei als wertvollen pädagogischen Ansatz.

Anne Sauerwald (Mitte) | Foto: Frederic Schweizer

Welche Impulse aus „Werte im Quadrat“ prägen dein Arbeiten seit deiner Teilnahme?

Besonders geprägt hat mich der Gedanke, Werte nicht nur zu benennen oder theoretisch zu vermitteln, sondern sie im pädagogischen Alltag sichtbar und erlebbar zu machen. Kinderrechte bedeuten für mich deshalb vor allem Beteiligung, Wertschätzung, Respekt und das Ernstnehmen der kindlichen Perspektive. In meiner Arbeit versuche ich bewusster Situationen zu schaffen, in denen Kinder eigene Ideen entwickeln, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen können. Dabei möchte ich nicht jeden Schritt vorgeben, sondern bewusst Raum für das lassen, was sich aus den Ideen und Reaktionen der Kinder heraus entwickelt. Auch die Gestaltung von Räumen und Materialien nehme ich stärker als pädagogisches Gestaltungsmittel wahr. Sie können Atmosphäre schaffen, Neugier wecken und Kindern einen Zugang zu Themen ermöglichen, ohne dass alles ausschließlich über Sprache vermittelt werden muss. Die Qualifizierungsreihe hat mich darin bestärkt, pädagogische Angebote nicht nur danach zu beurteilen, was am Ende entstanden ist, sondern vor allem danach, wie Kinder beteiligt waren und welche Erfahrungen sie auf dem Weg dorthin machen konnten.

Du hast ein Schattentheater mit einem alternativen Blick auf Hänsel und Gretel entwickelt. Was war dir dabei besonders wichtig?

In unserer Kita war das Thema „Märchen“ als Rahmen vorgegeben. Für mich stellte sich die Frage, wie ich diesen vorgegebenen Rahmen mit dem Thema Kinderrechte verbinden und daraus ein partizipatives Angebot entwickeln kann. Daraus entstand die Idee, das Märchen „Hänsel und Gretel“ neu zu erzählen und dafür das Schattentheater als neues Medium einzusetzen. Ich habe das Märchen bewusst umgeschrieben und einen alternativen Blick auf die Geschichte entwickelt. Die Kinderrechte wurden dabei zu einem zentralen Bestandteil der Handlung: Die Hexe wurde mithilfe der Kinderrechte besiegt.

Mir war wichtig, die Kinderrechte nicht einfach zu erklären, sondern sie innerhalb einer bewussten Erzählung für die Kinder erlebbar und verständlich zu machen. Auch die Gestaltung des Raumes war ein wesentlicher Bestandteil meines Konzeptes. Ich wollte mit Licht, Schatten, Stimmung und Raumgestaltung arbeiten. Die Kinderrechte wurden sichtbar aufgehängt und passende Ausmalbilder ausgelegt. So entstand bereits vor und nach der Vorstellung Raum für Auseinandersetzung und Interaktion. Die Durchführung selbst war ebenfalls partizipativ angelegt. Die Kinder wurden aktiv einbezogen und haben sehr aufmerksam und begeistert mitgemacht. Am Ende bekam jedes Kind ein Knicklicht, das als verbindendes und symbolisches Element der Geschichte diente.

Besonders eindrücklich war, dass ein elfjähriger Junge anschließend selbst die Vorstellung übernehmen wollte. Er führte das Schattentheater sogar zweimal durch, weil er selbst ausprobieren wollte, wie es ist, die Geschichte zu gestalten. Für mich wurde dadurch Partizipation ganz konkret sichtbar: Aus einem Kind, das zunächst zuschaut, wurde ein Kind, das selbst handelt, ausprobiert und Verantwortung übernimmt. Genau diese Erfahrung war für mich eine besonders wertvolle Bestätigung meiner pädagogischen Idee.

Werte im Quadrat ist ein Projekt der Stiftung Ein Quadratkilometer Bildung, das sich mit Demokratiebildung und Themen des respektvollen Zusammenlebens innerhalb einer vielfältigen Gesellschaft auseinandersetzt. Es wird gefördert durch die Karl Schlecht Stiftung (KSG) und die Karl-Konrad-und-Ria-Groeben-Stiftung.